Fibonacci

Spirale

4

Marcus machte schon zum zweiundvierzigsten Mal die DVD-Hülle auf, doch noch immer fand er darin keine Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Vielleicht hat er ja auch die falsche Frage gestellt. Vielleicht wollte Mike ihm auch gar keinen Hinweis geben, sondern Marcus einfach nur verarschen? Aber das war nicht sein Stil. Mike hatte schon mit dem leichtesten Anflug von Sarkasmus Probleme, diesen zu erkennen. Manchmal musste er ihm heimlich ein Sarkasmus-Schild hoch halten, damit er in Konversationen niemanden unwissentlich aufs Tiefste beleidigte. Besonders auf Kneipentouren, wenn sie Frauen aufreißen wollten, war das ein gewaltiges Problem. Denn nicht nur, dass Frauen sich in seiner Gegenwart ohnehin schon intellektuell unterlegen fühlten, nein, Fibonacci schaffte es immer irgendwie, diese dermaßen bloß zu stellen, sodass sie sich angewidert von ihnen abwandten und Marcus sich vor Scham im Boden versinken sah. Seine Standardfrage daraufhin war immer die gleiche: Ich hab’s schon wieder getan, stimmt’s? Meistens nickte Marcus dann einfach nur.

Wieder in seiner Wohnung angekommen ließ er sich auf die Ledercouch fallen. Ja, in eine 1ZKB, die von einem nerdigen Möchtegern-Casanova bezogen wird, gehört nun mal eine Ledercouch, auch wenn das mit dem Casanova-Dasein nie wirklich geklappt hat. Seine Freundin hasste diese Couch von Anfang an und er weiß auch gar nicht, wie er es geschafft hat, sie überhaupt rumzukriegen, ohne dass sie direkt schreiend wieder aus dem Chaos, das er sein Heim nannte, raus rannte. Aber er war jetzt schon seit fast drei Jahren mit Margarita zusammen und bisher lief es überraschend gut. Vielleicht lag es ja daran, dass sie immer noch getrennte Wohnung hatten. So konnte sie jederzeit aus der Wohnung flüchten, sobald ihr die Unordnung zu unheimlich wurde. Dann wusste Marcus meistens, dass es mal wieder an der Zeit war, aufzuräumen. Vielleicht war es aber auch die Buchhandlung, die er sich vor drei Jahren mit Ach und Krach finanziert hatte, mit der er Margarita rumkriegen konnte. Sie liebte Bücher und ihr größter Traum war es, einmal selbst in den Regalen einer Buchhandlung zu stehen. Doch bisher hatte sie nicht den Mut gehabt.

Ich reservier dir schon mal einen Platz im Regal, hatte er ihr geschmeichelt, und als sie ihm daraufhin ihren Namen verriet, konnte er mit ihrem Lieblingsbuch Meister und Margarita von Michail Bulgakov punkten, denn zufällig war das auch sein Lieblingsbuch. Seit dem hatte er mehr als nur einen Stein bei ihr im Brett. Sie kam daraufhin fast jeden Tag zu ihm in den Laden. Immer zur Mittagszeit, wenn sie zwischen den Vorlesungen die Zeit überbrücken musste. Das war die schönste Zeit für ihn und meistens verzichtete er sogar auf seine Mittagspause, nur um sie nicht zu verpassen.

Doch immer wenn er mit seinen Freunden auf Kneipentour war und mal wieder länger weg blieb als versprochen – Ich geh nur kurz auf 1-2 Bier mit den Jungs weg +++SCHNITT+++ 5 Uhr nachts, rotzevoll – wusste er, dass sie sauer war, weil sie dann meistens einfach nach Hause ging, ohne auf ihn zu warten. So auch dieses Mal, sodass er allein in der Wohnung und allein mit seinem Kater in seine Singlecouch einsank und einschlief. Ob es nun am Restalkohol oder seiner wilden Phantasie nach dem Abend mit Mike lag, Marcus hatte den verrücktesten Traum seines Lebens.

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3

Der Hals kratzte. Ein stechender Schmerz in der Seite machte ihm das Atmen schwerer und bei jedem Schritt knallte ihm ein Vorschlaghammer auf den Kopf. Diesen Kater wird er so schnell nicht los und um bei einer Apotheke anzuhalten, blieb ihm keine Zeit. Er musste es zum Bahnhof schaffen. Mike war zwar schon einmal aus seinem Leben verschwunden, aber immer mit einem Bis bald! oder Man sieht sich! Dass es das letzte Mal sein sollte, war nicht seine Art. Etwas wichtiges stand bevor. Er musste es einfach schaffen.

Alle Ampeln ignorierend rempelte er sich durch die überfüllten Fußwege. Musste es ausgerechnet jetzt so voll sein in der Stadt, dachte Marc und wurde fast von einem hupenden LKW mitgerissen worden, der wegen ihm einen kleinen Schlenker fahren musste. Dem werden jetzt wohl mehr als nur das S- und das W-Wort von den Lippen gehen, dachte er. Alle paar Minuten schaute er auf die Uhr. 14:43. 14:44. 14:51. Er musste sich beeilen. Seine Oberschenkel brannten. So viel Bewegung hatte er seit Jahren nicht und mit dem Päckchen Tabak, das er gestern geraucht hatte, hat er sich auch keinen Gefallen getan. Er fühlte sich wie Franka Potente – Marcus rennt. Hoffentlich kommt er nicht an den falschenTreffpunkt… Ein letzter Blick auf die Uhr – 14:59 Uhr. Der Bahnhof war in Sicht, der Dönerladen an der Ecke schien in anzufeuern: Los, los, los!

15:00 Uhr. Pünktlich. Aber Mike war nicht da. Marcus schaute sich um. Niemand, der seinem Freund auch nur annähernd ähnlich sah. Er drehte sich im Kreis. Einmal. Zweimal. Ihm wurde wieder schwindelig. Verzweifelt ließ er sich auf den Bordstein fallen, senkte seinen Schädel zwischen seine Knie und seufzte einmal.

Das war’s, dachte Marcus und ließ sich völlig entkräftet mit dem Rücken auf den Boden fallen. Mit geschlossenen Augen lag er da vor der Dönerbude. Die brennende Juli-Sonne knallte ihm ins Gesicht, sodass er die Augen regelrecht zusammenkneifen musste, um nicht durch die Lider geblendet zu werden, als ein Schattenwurf ihm plötzlich kurze Linderung verschaffte.

„Bist du Buchverkäufer?“

„Das heißt Buchhändler, du Voll…“, setzte Marcus eine Hasstirade an, da er den unästhetischen Begriff Buchverkäufer auf den Tod nicht ausstehen konnte, als er feststellte, dass sein Stammverkäufer vom Anatoli Döner vor ihm stand.

„Verzeihung… Ja, ich bin Buchverkäufer. Wieso?“

„Ein komischer Typ war eben da. Wollte, dass ich dem fertigen Typ mit Lederjacke das hier gebe. Ist Buchverkäufer, hat er gesagt. Soll ich fragen.“ Er hielt Marcus eine DVD vor die Nase. „Soll ich dir geben. Willst du Döner? Oder kommst du später?“

Völlig perplex hielt Marcus die DVD in der Hand und ließ Murat stehen, der langsam ungeduldig wurde, weil sich vor der Theke schon die Leute stapelten, die sich schnell noch einen Snack holen wollten, bevor sie ihren sowieso schon verspäteten ICE verpassen. „Willst du nun Döner oder nich?!“

Marcus winkte ab, ohne seinen Blick von der DVD zu nehmen, und ein mürrischer Murat stapfte davon. Ob Marcus hier jemals noch einen sauberen Döner kriegen würde? Aber das war ihm heute egal. Denn was er auf der DVD sah verschlug ihm die Sprache. Es war eine DVD Box ihrer Lieblingsserie Sliders, auf der mit Edding geschrieben stand: Ich gehe jetzt Welten erforschen!

2

Marcus ließ schon seit ungefähr zehn Minuten heißes Wasser über seinen Schädel fließen. Die Dusche half ihm den Kater des Jahrhunderts zu ertragen und gab ihm zumindest ein bisschen das Gefühl, wieder frischer zu sein. Als er jedoch aus der Dusche trat, schlug ihm die frische Luft wieder wie ein Holzklotz gegen die Schläfen und die Kopfschmerzen setzten erneut ihre Presslufthammer in Gang.

Ich muss raus, an die Luft, was essen, den Kreislauf in Gang bringen, dachte Marcus und zog sich um. Als er sich mühsam in die Klamotten, die er zuvor vom Fußboden aufgeklaubt und mit einer kurzen Geruchsprobe auf Sauberkeit geprüft hatte, schmiss er sich seine Lederjacke über, schnappte sich seine Schlüssel und knallte die Haustür hinter sich zu. Der Knall hallte nicht nur durch das Treppenhaus, sondern auch durch seinen Gehörgang, in welchem ein gesamter Geschirrschrank geborsten zu sein schien.

Langsam und mit leichten Gleichgewichtsproblemen ging Marcus die Treppenstufen hinab und verließ den Wohnkomplex. Als er auf die Straße hinaustrat, schloss er die Augen und atmete tief ein. Er legte den Kopf weit in den Nacken. Als Marcus die Augen wieder öffnete sah er, wie auf dem Kopf stehend, die zwanzig Stockwerke des Plattenbaus und den grau-blauen Himmel darunter, der sich wie das Meer mit Gischt und Wellen bewegte. Als ihm kurz schlecht wurde, drehte er den Kopf wieder in die Horizontale und schüttelte sich kurz. Los jetzt, sonst wird das heute nichts mehr!

Nach links und rechts blickend prüfte Marcus, ob die Straßen frei waren und überquerte die vielbefahrene Hauptstraße, zehn Meter von der Ampel entfernt. Hupend fuhren Autos nur knapp an ihm vorbei. Für ihn war das fast schon ein morgendliches Ritual, quasi der Adrenalinkick am frühen Morgen, doch die Autofahrer schienen dies nicht so amüsant zu finden. Man konnte ihnen das böse S- und W-Wort von ihren mit Schaum bedeckten tollwütigen Lippen lesen. Auf der anderen Straßenseite angekommen, zog Marcus die Kapuze tief ins Gesicht und schob die Hände in seine Jackentaschen. Er kramte darin herum und zog neben ein paar Geldscheinen, Feuerzeugen und einem fast leeren Tabakpäckchen einen bekritzelten Bierdeckel hervor.

Wenn du mich noch ein letztes Mal sehen willst, dann komm um 15 Uhr zu unserem Stammdöner an den Hauptbahnhof – Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!, stand rund herum auf dem Bierdeckelrand geschrieben. Es war Mikes Handschrift. Er muss Marcus den Bierdeckel heute Nacht in die Jackentasche gesteckt haben. Marcus hat es im Vollrausch wohl nicht bemerkt. Ein Blick auf die Uhr versetzte ihm einen Schreck. Sie sind in der heutigen Nacht wohl kaum vor vier oder fünf Uhr morgens aus der Kneipe rausgekehrt worden, demnach hat Marcus trotz sehr kurzer Nacht den halben Tag verpennt. Nun war es schon 14:23 Uhr. Ein Blick auf die Uhr an der Straßenbahnhaltestelle bestätigte seine Befürchtung. Sein altes Sony Smartphone samt Spider-App lachte ihn förmlich aus, als er die Bildschirmsperre freigab und die Uhrzeit hinter den tausend Glassplittern zu erahnen versuchte.

Marcus durchsuchte seine Telefonkontakte. Auf der Suche nach Michael Bell, gab er fast schon die Hoffnung auf, dass er sich gestern seine Nummer hat geben lassen. Frustriert wollte er das Handy schon wieder in die Tasche sinken lassen, als ihm ein kurzer Geistesblitz kam. Er wählte erneut seine Kontakte an. Diesmal unter F. F für Fibonacci. Und tatsächlich, es fand sich ein Eintrag mit einer Mobilfunknummer darin. Marcus rief die Nummer an. Doch nach einigen Freizeichen ging statt Mike bloß eine Aufzeichnung seiner Stimme dran: »Hallo Marc, ich schätze du hast soeben den Bierdeckel und meine Nummer entdeckt. Aber so spielen wir unsere Spiele nicht. Wenn du mich sehen willst, komm zur Dönerbude.« Ein dezentes Piepen bedeutete Marcus, dass die Aufzeichnung vorbei war. Er schaute auf die Uhr. 14:31 Uhr. Scheiße! Ich schaff es niemals rechtzeitig zum Bahnhof. Mit diesem Gedanken rannte Marcus einfach los. Planlos. Nur ein Ziel. Und eine Deadline.

1

Alles dreht sich.

Marcus weiß nicht, wie er die Welt um sich herum zum Stillstand kriegt. Gestern war noch alles in Ordnung, doch jetzt scheint eine ganze Galaxie in seinem Schädel explodiert zu sein.

Das nächste Mal hört er lieber auf seine Freundin und lässt sich nicht auf eine Kneipentour mit Mike ein. Michael Bell, sein ältester Freund. Er kennt ihn noch aus seiner Studentenzeit in Heidelberg. Damals haben sie schon jede Menge Unsinn angestellt. Und diesmal war es wie vor zehn Jahren.

Sie hatten sich aus den Augen verloren. Nachdem Mike sein Physik Studium mit Magna cum laude absolviert hatte, bekam er ein Angebot aus Genf. Von CERN. Wenn das mal nicht der Wahnsinn ist. Er kam jubelnd mit dem Brief in der Hand zu Marcus, knallte das Papier auf seinen Schreibtisch und meinte nur – Ich lad‘ dich auf alles ein! Das ließ sich Markus natürlich nicht zweimal sagen. Dass sie an diesem Abend fast von einer Herde hirnloser Hooligans verprügelt und beinahe wegen Beamtenbeleidigung im Gefängnis gelandet sind, konnte er seinen Professoren wie auch seiner Familie zum Glück verschweigen. Marcus hatte daraufhin geschworen, nie wieder auf eine solche Tour mit Mike zu gehen. Doch letzte Nacht, nach zehn Jahren, stand Mike ohne Vorwarnung vor Marcus‘ Tür. »Wir haben was zu feiern. Ich lad‘ dich auf alles ein!« Und schon hatte Marcus den Schwur, den er vor so langer Zeit gegeben hatte, gebrochen. Nun hat er den Salat und den größten Kater seines Lebens noch dazu. Er will gar nicht wissen, woran er sich gleich noch erinnern wird.

Als er ein Bein aus dem Bett auf den Boden stellte, schien es, er würde die Erde zum Stillstand bringen. Wenigstens hörte das Karussell in seinem Kopf kurzzeitig auf, sich zu drehen, und er hievte sich hoch. Sein Schädel fühlte sich an wie eine Abrissbirne, die er an einer Kette nachzieht. Genau so schwer fiel sie ihm in seine Hände, als er seine Ellbogen auf den Knien abstürzte. Was zur Hölle ist gestern Nacht passiert?

Mike kam in seinen Laden. Marcus hat sich vor einigen Jahren eine kleine Buchhandlung aufgebaut, nachdem er mit Pauken und Trompeten durch sein Studium gefallen ist. All die Zahlen und Variabeln wollten sich nicht so wie bei Mike zu verständlichen Formeln zusammensetzen. Irgendwie liegen ihm Worte mehr. Schon während des Studiums war Mike immer derjenige, der Marcus helfen musste. Zum Teil schrieb er ganze Hausarbeiten, ja sogar manche Klausuren für ihn. Er erinnert sich noch, wie er in einer Klausur für theoretische Physik nach draußen schmuggelte und sie komplett von Mike ausfüllen ließ, nur um nicht durchzufallen. Leider wurden die Dozenten misstrauisch, als Marcus, der sonst immer nur mit Ach und Krach die Klausuren bestand, auf einmal mit einer glatten eins aus der Prüfung kam. Schon da wäre er fast exmatrikuliert worden.

Michael war da ganz anders drauf. Für ihn war das genau seine Welt. Oder wie er es immer ausdrückte – seine Welten. Sie waren beide Nerds. Liebten Comics. Liebten die Vorstellung, dass es neben dieser Welt noch unzählige weitere Welten geben könnte. Und als Kinder der 90er war Sliders ihre Lieblingsserie gewesen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war, dass Mike es wirklich glaubte. Er war verrückt danach. Wollte unbedingt eine neue Welt entdecken. Eine andere Welt außer der ihren. Am meisten faszinierten ihn Schwarze Löcher. Er philosophierte immer mit Marcus, was es wohl hinter einem solchen Loch gäbe. Dass so etwas nicht einfach so aus dem Nichts entstehen könne und folglich auch nicht in einem Nichts enden würde. Es musste also eine Welt geben, wo diese Löcher hinführten.

Mike erforschte alles, was sich auch nur annähernd damit befasste. Gravitation, Geschwindigkeit, Druck und Gegendruck, Spiralen und Formen. Er meinte immer zu Marcus: »Schau‘ dir doch mal Muscheln oder Schneckenhäuser an, die Wirbel, wenn du deine stinkenden Rothhändle Zigaretten ausqualmst, wenn du deine Milch in den dünnen Kaffe schüttest, den Urknall und die daraus entstandenen Galaxien. Alles dreht sich, alles läuft die Spirale auf und ab. Nichts geschieht dabei aus Versehen, nichts kommt aus dem Nichts. Das ist alles vorprogrammiert, gemeiselt, gesprengt, gemalt und gespielt. Da muss es jemand – oder von mir aus etwas – geben, das dies alles hier, das uns geschaffen hat und mit uns spielt.« Solches Zeug hat er immer im Vollrausch erzählt, weshalb Marcus ihn da auch nie wirklich ernst nahm, weshalb er Mike auch immer Fibonacci nannte.

Was ist bloß gestern passiert? Marcus hatte die Buchhandlung geschlossen. Er war erstaunt, dass Mike ihn nach so langer Zeit ohne Kontakt überhaupt ausfindig machen konnte, schließlich hat er den Laden erst seit knapp drei Jahren, und seit dieser Zeit hat er ihm weder etwas davon erzählt, noch haben sie sonst irgendwie von einander gehört. Und plötzlich steht er vor der Tür, als ob die letzten Jahre gar nicht existiert hätten, als wäre er nicht die letzten zehn Jahre in einem Tiefen Kellergeschoss gelandet und hätte sich hinter Computer, Maschinen und Forschungen verbarrikadiert. Marcus wusste noch nicht einmal, ob sein bester Freund noch lebte.

Sie gingen in die nächst beste Kneipe. Die meisten Läden haben um die Uhrzeit noch gar nicht geöffnet – bis auf die dubiosen Kneipen, die ihre Kunde vor gähnender Leere nur so vergraulen. Mike wollte lieber etwas ungestörter sein, damit sie reden könnten, damit Marcus auch alles versteht und nichts in dem Potpourri aus Geräuschen, Gerüchen und Geschmäckern untergeht. Als sie sich das erste Bier bestellten, wartete Mike eine Sekunde bis die Bedienung mit dem bekritzelten Stück Papier wieder hinter die Theke ging und beugte sich zu Marcus vor.

»Kannst du dich noch daran erinnern, wie wir immer die Nase in unsere Comics gesteckt haben? Wie wir davon träumten, dass es Welten gäbe, die außerhalb unserer Wahrnehmung sind? Gotham und Metropolis. Mars und Venus. Paralleluniversen, die unseren gleichen oder komplett auf den Kopf gestellt sind. Galaxien, die noch nicht erforscht sind. Wie sehr haben wir uns danach gesehnt, auch einmal dort zu landen, wo unsere Phantasie uns hin führen könnte.«

Marcus blickte ihn an und sah das Kind, das er war, in seinen Augen. Das Kind, das er wohl immer noch ist. Zugegeben – auch Marcus ist noch dieses Kind geblieben.

»Was würdest du davon halten, wenn ich dir sage, dass ich einen Weg gefunden habe, diese Welten zu besuchen?«

Marcus sah ihm tief in die Augen, hob seinen Bierkrug zum Anstoßen und sagte: »Dann lass uns wieder Kind sein!« Das Klirren der Gläser, war das letzte, woran sich Marcus noch an diesem Abend erinnern konnte.